Alleinerziehend

Auf dieses Buch habe ich mich schon lange gefreut!

Allein, alleiner, Alleinerziehend
Allein, alleiner, alleinerziehend

(Kurzrezi: Es ist an einigen Stellen zum Brüllen komisch, weil realitätsnah, und andererseits ziemlich erschütternd, weil realitätsnah.)

Die Publizistin Dr. Christine Finke kenne ich seit einigen Jahren über das Internet und sie hat mich schon einige Male im Leben zu Schritten ermutigt, zu denen ich vorher keinen Mut hatte. Sie musste mich nicht direkt adressieren, sie ist einfach Vorbild. Danke, Christine! Immer wieder: Danke!

Den größten Einfluss auf mein Leben hatte ihr offensiver Umgang mit der Tatsache, alleinerziehende, freie Journalistin zu sein. Gut, zwischen ihrem offensiv und meinem liegen Welten, aber ich verbiege mich nicht mehr, nur um den Familienstatus geheim zu halten.

Als ich anfing, journalistisch tätig zu sein, hatten Kollegen keine Kinder, maximal die Frauen von Kollegen waren bei den Kindern zu Hause, zu Gesicht bekam man nie eines. Kolleginnen waren per se jung und kinderlos.
Das und die Erfahrung, in Vorstellungsgesprächen immer wieder an der Kinderhürde zu scheitern („Sie haben Kinder?! Das ist unser Ausschlusskriterium, aber das schreiben wir Ihnen nicht in die Absage, verstehen Sie, wir bekämen rechtliche Probleme!“) brachten mich zuerst dazu, den Familienstatus zu verschleiern und letztlich dann, aufzugeben mich weiter um feste Stellen zu bewerben.

Wohltuend war die Erfahrung in der Redaktion der Deister Leine Zeitung in Barsinghausen, Chefin (!) Helena Tölcke hatte ebenfalls drei Kinder und als früh verwitwete Frau Verständnis für arbeitende Mütter.

So viel Nabelschau vorab.

Das Buch

Im Netz ließ Christine seit einiger Zeit durchblicken, dass sie an einem Buch schreibt und es war zumindest für mich sehr spannend, ihr Tun zu beobachten!

Nun liegt es hier, ich habe es verschlungen und bin begeistert!

Kann daran liegen, dass unsere Lebenssituationen sich sehr ähneln: gleicher Beruf, gleiche Kinderzahl, ähnliches Studium, ähnliche Ansichten.
Kann daran liegen, dass wir uns virtuell sehr gut kennen.
Kann aber auch einfach daran liegen, dass sie die Anliegen sehr vieler Alleinerziehender exemplarisch schildert und auf ein gesellschaftliches Defizit aufmerksam macht.

Es wird Stänkerer geben, die den persönlichen Stil attackieren werden und Christine als egozentrische Weibse verunglimpfen wollen. Besonders getroffene Hunde werden bellen.

Das Buch bietet Einblick in den Alltag engagierter Alleinerziehender, die sich bemühen, ihren Kindern ein Vorbild zu sein und die selbständig als Familie existieren wollen. Es zu lesen als permanenten Abgleich mit Zwei-Eltern-Familien geht nicht. Hier geht es um den Alltag von 1,6 Mio. Alleinerziehenden, die so oder so ähnlich leben.

Mich freut, dass die Autorin mit ihrem Buch einen weiteren eloquenten Vorstoß in die Medienwelt unternimmt (ja, Bücher zählen auch heute noch zu Medien). Allzu oft werden Alleinerziehende (in der Mehrzahl ja weiblich) als Totalversager dargestellt, speziell im Privatfernsehen, aber auch gerne in vermeintlich seriösen Formaten. Alleinerziehende sind aber so bunt wie die ganze Gesellschaft, nur am Ende des Tages meist zu müde, um für erforderliche gesellschaftliche Veränderungen „auf die Straße zu gehen“.

Ich habe nur ganz wenige Beispiele rausgepickt, die exemplarisch sind, deren Schilderung manchmal erleichtert („Es geht anderen auch so?!“), erschüttert (Burn-out), oder informiert (Bettgehzeiten).
Das liebe Geld kommt nur bei mir gar nicht vor. Unterhalt, der nicht gezahlt wird, schwierige Arbeitsmarktchancen, resultierende Armut und Altersarmut – geschenkt. Aber im Buch steht einiges zum Thema.
Hier folgt ein kleiner Einblick in das Buch mit bestätigenden Anmerkungen einer weiteren Alleinerziehenden, einer von 1.6 Mio. in Deutschland.

Tipp: Bilder großklicken und reinlesen.

Burn-out nicht erlauben können

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„.. keinen Burn-out erlauben können ..“

Ich kenne den Alltag mit drei Kindern, für die ich rundum alleine zuständig bin, schon viele Jahre. Man gewöhnt sich nie dran, besonders, weil oft Beamen oder Dreiteilen gefordert ist. Kann ich immer noch nicht.
Es hat mich aber wirklich getroffen, als ich las, was ich für mich ja längst weiß: „Ein Schlüsselmoment, weil ich in jenem Augenblick verstand, dass ich mir keinen Burn-out erlauben kann.“

Egal, was ist, Alleinerziehende dürfen nicht krank werden. Oder nur am Wochenende zwischen abends und morgens.

Sich einen Burn-out nicht erlauben können. Wie krass ist das bitte?! Aber so ist es!

Meine Hausärztin gibt sicher gerne Auskunft, wie oft ich vor ihr stand und keinen Pieps mehr machen konnte, mich aber letztlich gegen das krank sein entschied. Als Selbständige bekomme ich keine Lohnfortzahlung, meinen umfangreichen privaten Verpflichtungen kommt auch keiner nach, … -> es geht einfach nicht! Die Aufgaben bleiben ja doch die gleichen.

Wegen Männergrippe sich nicht um die Kinder kümmern können, können nur Umgangselternteile.

Schuld ist immer Mama

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Mama ist an allem Schuld!

Treffend erfasst sind die unzähligen Momente, wenn Mama Schuld ist an allem. An der Trennung, am falschen Brotbelag und am Wetter sowieso. Das ist schmerzhaft, weil frau nur das Beste für den Nachwuchs will, der das in dem Moment aber partout nicht erkennt, und weil der Ex-Gatte solche Auseinandersetzungen häufig mit Schmackes befeuert.

Frau sieht die Kinder leiden und muss veratmen. Ganz viel. Veratmen. (Grüße nach Rostock an Constance Reinhold und Matti an dieser Stelle!)
Immer wieder. Veratmen.

Fehlende Männer

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Was Mama nicht mag/macht, bleibt auf der Strecke: toben und so´n Kram.

Ein superkurzes Mantra vieler Alleinerziehender lautet: Was Mama nicht macht, passiert nicht.

Bei Christine und mir gehört dazu zum Beispiel Rumtoben und Spielen (und noch vieles andere, für das der Tag einfach zu kurz ist). Wir lieben unsere Kinder, aber zu gewissen Dinge können wir uns nicht (mehr) aufraffen, obwohl wir es gerne wollten und/oder von der Sache her beherrschen. Im besten Fall gibt es den anderen Elternteil, der das auffängt oder ergänzt oder so. Vielleicht auch gegengeschlechtliche (Rollenbilder, you know ..) Akteure im Umfeld, im Kiga, in der Grundschule, im Verein etc.

Es kann nicht gut sein, für alle Kinder übrigens, dass sie erst ab ca. 14 Jahren Männer im Umfeld erleben. Im Kiga erlebten meine Kinder (und alle ihre Freunde genauso) keinen Mann, in der Grundschule manche einen, im Verein lange keinen, an der weiterführenden Schule endlich ganz wenige. Dementsprechend verhalten sie sich auch, die Kinder.

Manche Themen sind gesamtgesellschaftlich relevant. Aber vor allem die Alleinerziehende zerbrechen sich den Kopf, wie sie vieles individuell ausgleichen können.

Entspannung unmöglich, Abschalten auch

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Immer unter Strom

Auch ich kann mental nicht mehr loslassen. Früher wähnte ich während der seltenen Umgänge die Kinder beim Vater in guter Hand und genoss meine freien Stunden ganz entspannt auf der Arbeit. Bis es mehrfach passierte, dass mir mitgeteilt wurde, die Kinder würden wegen XYZ umgehend zurückgebracht. Und schwupp, standen sie wirklich vor der Haustür und meine Planung für die Zeit allein war hinfällig.
Ein zuverlässiger Aufenthaltsort war es fortan nicht mehr. (Mal eben eine halbe Woche eher nach Hause kommen wirbelt Pläne arbeitender Menschen gehörig durcheinander!)
Andere Verwandte oder Freunde, so denn greifbar, haben jedes Recht, ihre Bedürfnisse über unsere zu stellen, wenn wir sie um einen Betreuungseinsatz bitten (müssen).
Und außerdem gibt es noch Unfälle, die immer vorkommen können. Die Wahrscheinlichkeit steigt mit der Kinderzahl. Alleinerziehende sind in Dauerrufbereitschaft.

Es tut gut zu lesen, dass es anderen Frauen auch so geht/ging.

Ärzte nach Möglichkeit meiden

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Arzt-Phobie? – Mitnichten!

Und noch eine Schilderung aus dem Alltag: wegen jedem Wehwehchen geht frau mit den Kindern nicht zum Arzt. Ganz sicher nicht! Ist man deshalb eine nachlässige Mutter?

Auf jeden Fall gibt es zwölfundrölfzig Pflichtveranstaltungen bei Ärzten, wenn man Kinder (mit Zahnspangen, Sehfehlern oder Lernschwächen) hat, meist kommt das Kind aus dem Wartezimmer kränker raus als es reinging und der Tag ist dank längerer Regelwartezeit dann auch schon wieder zu Ende, so dass frau sich das nach Möglichkeit spart. (Wer kümmert sich um die anderen Kinder, wenn frau auf unbestimmte Zeit mit einem Baumsturz in der Notaufnahme sitzt?)

Bei uns erst gestern wieder: das Kind hatte ein halbes Jahr leichte Beschwerden, aber erst, als das Kind wirklich gar nicht mehr ging, schleppte ich es zum Arzt. Mit der unspektakulären Diagnose Wachstumsschmerzen zogen wir von dannen. Wenigstens ging es schnell und ich brauchte keine Notbetreuung daheim.

Kinder machen so viel Freude

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Kinder machen so viel Freude, manchmal möchte frau sie am liebsten verkaufen vor lauter Freude.

Vielen Dank, dass dieser Satz, neben unzähligen anderen!, in einem gedruckten Buch steht!
Es ist so herrlich inkorrekt, seine Kinder am liebsten mal zum anderen Elternteil schicken zu wollen, obwohl praxisfern. Mit sowas soll man nicht drohen, neinnein. Egal, in der wievielten Potenz von 180 frau sich gerade befindet, sie soll Ruhe bewahren und den Kindern ein ausgeglichenes Angebot unterbreiten, wie die Situation gelöst werden kann.

Praxisfern.

Es rutscht irgendwann raus.

Und frau weiß, dass die Kinder wissen, dass es nicht so gemeint ist. Und die Kinder benehmen sich ja sowieso nur so rotzig, weil sie sich bei DER Vertrauensperson schlechthin wissen.

Also: alles gut. <3

Bettgehzeiten von Alleinerziehenden

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Extrem spät oder ganz schön früh, autonom ins Bett zu gehen ist für viele Mütter ein Hochgenuss.

Meine Bettgehzeiten sorgen auch in meinem Umfeld teilweise für Unverständnis. Ich kann mal länger aufbleiben, auf Kosten meiner Augenringe. Aufstehen muss ich ja immer pünktlich wegen der Schulkinder. Jeden Schultag früh raus, denn es ist meine alleinige Verantwortung, dass alle Kinder rechtzeitig an ihren Instituten sind.

Früher fiel ich schon um 19 Uhr, spätestens 20 Uhr um. Nachdem ich es vom Abendbrottisch, an dem ich anstelle der Kinder schlafend ins Leberwurstbrot fiel, noch bis zum Sandmännchen auf die Couch schaffte, wo ich wieder zum Vergnügen der Kinder einschlief und ihnen so noch die nächste Sendung zu schauen ermöglichte.

Es ist ein Funktionieren. Und es funktioniert. Mehr muss ja gar nicht.

Christine war zu Besuch!

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„.. Alleinerziehende träumen davon, endlich in Ruhe sauber zu machen ..“

Häh, Christine, wann warst du bei uns? Ich habe deinen Besuch gar nicht bemerkt?

Sie schildert die Details meiner verstaubten Wohnung, als wäre es ihre.

Oder sie hegt die gleichen Prioritäten wie ich – erst leben mit den Kindern, dann putzen. Damit wären wir zu zweit. Aber nach der Lektüre deines Buchs denke ich, dass wir eine riesengroße Gruppe sind.

 

 

 

 

Veränderungen

Mit ihrem Buch möchte Christine unter anderem Veränderungen bei der Besteuerung Alleinerziehender anschieben, passendere Betreuungsangebote, strengere Ahndung von Unterhaltsprellerei und Sanktionen für Elternteile, die ihrer Sorgepflicht nicht nachkommen.
Und plädiert für mehr Anerkennung der enormen Leistung, die 1,6 Mio. Alleinerziehende in Deutschland bis zur Selbstaufgabe leisten. Dass Millionen von Kindern entkräfteter Alleinerziehender eine gesunde nächste Erwachsenengeneration bilden können, ist eher unwahrscheinlich, aber sie sind die nächste Generation Erwachsener in diesem Land.

Mögen wir genug Kraft haben, die wir ihnen noch mitgeben können.

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