„Ich habe meiner Stammpartei einen Denkzettel erteilt, weil die sich nicht für mich eingesetzt haben!“

100 Meter Wahlkampfplakate in der Fußgängerzone Barsinghausen 10/09/2016
Zum Ankreuzen: 100 Meter Wahlkampfplakate in der Fußgängerzone Barsinghausen 10/09/2016

„Ich habe meiner Stammpartei einen Denkzettel erteilt, weil die sich nicht für mich eingesetzt haben, und habe was ganz anderes gewählt!“ 

Leider gibt es das. Vielleicht zu häufig. Keine Frage, was „was ganz anderes“ ist. Es ist das absolut falsche.

Kollege Wolf Kasse vom Deister Journal hat auch heute noch flink seine Gedanken als langjähriger Lokaljournalist niedergeschrieben, da schließe ich mich last minute noch an. Habe sehr lange hart mit mir gerungen, aber vielleicht liest noch eine/r.

Bis Anfang des Jahres durfte ich im Rahmen eines Mentoringprogramms ein gutes Jahr lang hinter die Kulissen der Lokalpolitik schauen.
Ich sah engagierte Bürger, die in ihrer Freizeit, nach Feierabend, neben Job, Kindern und vielen(!) anderen Ehrenämtern EHRENAMTLICH lokale Politik mitgestalten. Einige sind bereits im Ruhestand und bringen mehr Zeit mit, andere stehen mitten im prallen Berufs- und Familienleben und wissen daher genau, was ihre Mitbürger in gleicher Situation beschäftigt, wo der Schuh drückt.

Im Rat unserer kleinen Stadt sitzen Vereinsvorstände und Ortsbrandmeister, Bauunternehmer und Hausfrauen, Rentnerinnen und Studenten. Das ist gut so, das ist ein Querschnitt der Bevölkerung.

Selbstverständlich bringt jeder besonders die Ideen ein, die er von Haus mitbringt. Ein Ortsbrandmeister wird auf den Posten für Feuerwehren im Haushalt ein besonderes Auge werfen, die Kindergärtnerin auf die städtischen Kita-Verträge achten und ein Bauunternehmer sich über Aufträge vor Ort freuen.

Selbstverständlich geht es manchmal hoch her in einigen Diskussionen in Ratsversammlungen. Das gefällt weder mir noch den anderen anwesenden Bürgern, weil es manchmal einfach nur politisches Heißluftgelaber ist, nicht zur Entscheidungsfindung beiträgt und auch manche Entscheidung unnötigerweise zeitlich verschiebt. Da muss man ehrlich sein.

Doch der Grundsatz, den alle hatten, die ich in meiner Mentoringzeit traf, war: FÜR die Bürger, FÜR die Stadt, FÜR die Gemeinschaft vor Ort etwas zu verbessern. Ganz sicher auch FÜR den eigenen Glorienschein, der vermutlich heller leuchtet, wenn man etwas mitentscheidet, aber unterm Strich: die Kommunalpolitiker setzen sich FÜR das GEMEINWOHL ein.

Liebe Barsinghäuser, liebe Niedersachsen, Demokratie FÜREINANDER, nicht gegeneinander

Jeder kann durch die Wahl mitbestimmen. Einer, der ganz sicher seine Stimme abgibt, ist der Vater meiner Kinder, der in einem Land ohne demokratische Verhältnisse geboren und aufgewachsen ist.

Er kann ein langes Lied von Willkürregimen singen, von willkürlichen Verhaftungen, von Zerstörungen, Erpressungen, Druck, Aufständen, Flucht und mehr. Kaum etwas ist ihm so wichtig, wie das Wahlrecht. „Die Leute wissen nicht, wie gut sie es haben, dass sie alles wählen dürfen, was sie wollen“, pflegt er bei seinem Gang ins Wahllokal zu sagen.

So ist es.

Nicht nur am Wahlsonntag die Stimme erheben

Die Möglichkeiten der Demokratie enden nicht heute Abend um 18 Uhr und dann werden es die neu gewählten Ratsvertreter schon richten. Es gibt weitere Möglichkeiten der Mitbestimmung, ohne selbst Politiker zu werden:

  • Bei jedem Ausschuss ist es allen Bürgern möglich, sich einzubringen.
  • Bei jeder Ratsversammlung ist allen Bürgern möglich, sich einzubringen.
  • Zu jedem Thema ist es allen Bürgern möglich, sich einzubringen. Ein Telefonat mit den Ratsvertretern genügt. Ein Termin in der Bürgermeistersprechstunde genügt.

Aber trotzdem und gleichermaßen WEIL es eine Demokratie ist, gibt es selten eine Entscheidung, mit der alle ausnahmslos glücklich sind. Es sind Kompromisse, die gemacht werden müssen. Wie in der Familie, wie auf der Arbeit, wie beim Sport.

Wer noch mehr möchte: Einbringen, einbringen, einbringen!

Politik ist kein Versandkatalog

„Die“ Politiker sind mitnichten alle gleich.

Die Profi-Bundes- oder gar Europapolitiker haben tatsächlich kaum noch Bezug zum Alltag der Bürger, sie bearbeiten dafür übergeordnete Themen. „Unsere“ Ratspolitiker hier in unserer Stadt kennen uns aber und vertreten unsere Anliegen so gut wie möglich.

Sie können allerdings auf Steuergesetze und Familienrecht, Klimakonventionen und Fördermillionen für Bauern oder Stromkonzerne keinen Einfluss nehmen. Straßenausbaubeiträge wiederum müssen sie angehen, über Müllgebühren können sie nicht entscheiden und mit von der Region beauftragten Bauten auf regionalem Grund haben sie auch nichts zu tun.

DAS SOLLTE MAN DRINGEND DIFFERENZIEREN!

Ich kann absolut nicht verstehen, wie etwa Menschen, die den Krieg noch miterlebt haben, aus Protest, weil ihnen eine einzige Entscheidung des Rates quer lag, Hass-Parteien wählen. „Ich habe meiner Stammpartei einen Denkzettel erteilt, weil die sich nicht für mich eingesetzt haben, und habe was ganz anderes gewählt!“

Denkzettelwahlen. Das ist noch nie gut gegangen.

Man wählt nicht einmal und bekommt dafür alles, was man sich erwartet. Politik ist kein Versandkatalog, in dem heute angekreuzt wird und in den kommenden Jahre wird gratis geliefert.

Wählt bitte weise

Ganz sicher wird im Rat der Stadt Barsinghausen gar nichts mehr funktionieren, sollte eine überdurchschnittlich große Gruppe unerfahrener, demokratieunwilliger Hassprediger einziehen, die Entscheidungen blockiert und außer bösem Blut wenig einbringt.

Wählt bitte weise und gerne das kleinste Übel. Aber wählt verantwortlich.

 

 

2 Gedanken zu „„Ich habe meiner Stammpartei einen Denkzettel erteilt, weil die sich nicht für mich eingesetzt haben!“

  1. Hallo Frau Eickhoff, Ja, ja und nochmal Ja. Sie haben so Recht. Genauso, wie Wolf Kasse und die anderen Mahner aus der schreibenden Klasse. Aber warum kommt das so (zu) spät? Warum kommen diese Worte erst, nachdem die Wahl gelaufen ist? Ich hätte mir gewünscht, dass es nicht erst eines Flüchtlingsproblems bedurft hätte, dass der Wert von ehrenamtlichen (Feierabend-) Politikern und ihre Notwendigkeit für unsere Gemeinschaft erkannt und publiziert wird.

    1. Für meinen Fall: aus gesundheitlichen Gründen. Aber einige Wahlkommentare am Wahltag aus dem engen Umfeld ließen mich doch noch etwas publizieren.
      Danke für den Zuspruch!

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