Lokale Presse: Vielfalt wie nie am Deister

Presse am Deister - Ein Auszug

Die Presselandschaft in Deutschland wird überzogen von medialem Einheitsbrei und Public-Relation-Meldungen. Meinungsbildend und aufklärend sind Inhalte kaum noch, dafür aber verkaufsfördernd. Vor allem für die beschriebenen Ideen oder direkt sogar: Produkte. Im Lokalen sind relevante und interessante Geschichten sogar so gut wie ausgestorben. Große Medienhäuser kaufen kleinere Verlage reihenweise auf und streichen Redaktionen zusammen. Das Lokale sei a) uninteressant für die Leser, und/oder b) unrentabel für den Verlag.
Überlebt haben an vielen Orten nur Veranstaltungskalender, in denen Vereine Sommerfeste und Weihnachtskonzerte verkünden, ab und an garniert von Leserreporter-Fotos mit Dreizeiler anbei. Der Informationsgehalt dieser Kalender ist eher mau, sie tragen Namen wie „Wochenblatt“ oder „Anzeiger“ und fungieren einzig als Rahmen für Werbeanzeigen. Wöchentlich, teilweise mehrfach wöchentlich, zweckentfremden die Veranstaltungskalender Bushaltestellenbänke, indem sie dort trocken gelagert werden, bis sie den sich mit bunten Stop!-Aufklebern auf Briefkästen und Zeitungsrollen verzweifelt wehrenden Haushalten zugestellt werden. Um dort sofort ins Altpapier zu wandern.

Widerstand lokaler Vollblutjournalisten

Etablierten Redakteuren und jungen Wilden geht dieser Prozess gegen Ehre und Berufsverständnis. Um der Verdrängung des Lokalen Paroli zu bieten, um wirklich interessante und relevante Geschichten zu erzählen oder dem medialen Einheitsbrei etwas entgegenzusetzen, publizieren sie selbst.
Absolut beachtlich ist die lokale Presselandschaft derzeit am Deister bei Barsinghausen!
Nachdem im Jahr 2012 die seit 126 Jahren in der Region verwurzelte Deister-Leine-Zeitung binnen eines Monats vom Markt verschwand und das beliebte, lokale Wochenblatt Deister aktuell aus unerfindlichen Gründen ebenfalls eingestellt wurde, war der Markt frei für Produkte eines Großverlags aus Hannover. Weil niemand behaupten darf, dass dieser Großverlag aus Hannover irgendwas mit der Einstellung der anständig laufenden Titel zu tun hatte, behauptet das auch niemand.

Bereits 2011 waren die Calenberger Online News online gegangen. Vor drei Jahren durchaus ein riskantes Vorhaben auf dem Land. Der Blaulichtticker freut sich über enormen Zulauf, Klatsch & Tratsch, Ballsport sowie Rumms & Wumms bewähren sich offenbar in der Leserschaft. Das kostenfreie Angebot deckt geografisch neben Barsinghausen auch die Städte Gehrden, Ronnenberg und Wennigsen ab und finanziert sich über Werbebanner sowie freiwillige Spenden. In der Selbstbeschreibung heißt es: „Recherche von Hintergrundgeschichten und eine Erweiterung der Inhalte auf den CON-Seiten sind jedoch kostenintensiv. Deshalb bieten wir ein Spenden-Modul an, über das jeder Leser die Möglichkeit hat, mit einem selbst festgesetzten Betrag die Arbeit des CON-Teams zu unterstützen.“

Im 2012 entstandenen Pressevakuum am Deister platzierte der hannoversche Großverlag ein zweimal pro Woche erscheinendes Blatt. Auf vielen Seiten las man bislang wenig Lokales, welches in Kooperation mit dem Lokalteil aus gleichem Hause entsteht. Zuletzt erfuhr das Blatt ein Facelift und das Lokale rutschte prominent als Aufmacher vor. Von der A2 im Westen bis zum Maschsee in Hannover lässt sich dort vieles „lokalisieren“.
Aus dem gleichen Haus stammt auch die in den gleichen Räumen geschriebene Heimatzeitung Calenberger Zeitung, die dem Mantelblatt-Weltteil den lokalen Touch verleiht (Onlineauftritt bei FB). Die standardisierte Kürze vieler Artikel auf bsp. 40-Zeiler hebt gelegentlich Nebenthemen stärker als nötig hervor und lässt wenig Platz für Informatives.

Ende 2103 stemmte ein Herausgeber das Deister Echo, eine zweimal wöchentlich erscheinende Zeitung, finanziert durch Anzeigen und Kaufpreis. Bereits nach wenigen Monaten wurde das gedruckte DE eingestellt und erscheint jetzt als Onlinezeitung für Barsinghausen. Inhaltlich beschränkt sich die barrierefreie Onlineausgabe (durch Anzeigen finanziert) auf die Stadt Barsinghausen samt Eingemeindungen, 35.000 Einwohner zusammen. Die bunte Beitragsmischung informiert von der Ratssitzung bis zur Vereinswanderung im Deister über lokale Themen.

Seit gut einem Jahr bereichert das kostenlose Deister Journal als Wochenmagazin die Pressevielfalt um lesenswerte Reportagen und ganz eigene Sportthemen (Glanzstück: Homestories!) Ganz frisch ist die Umstellung von reinem PDF-Abruf online auf Zusatzmeldungen und Geschichten, die es nicht mehr ins gedruckte Blatt geschafft haben.

Ab und zu bis nach Barsinghausen schneit der Burgbergblick aus dem 15 Kilometer entfernten Gehrden. Der BBB ist ein weiteres Werbewochenblatt, welches logistisch nie richtig Fuß fassen konnte und an seinen Verteilern scheitert.

In den aufgezählten Redaktionen sind fast überall maßgeblich Redakteure und ehemalige Mitarbeiter der geschlossenen Deister-Leine-Zeitung aktiv. Journalisten aus Überzeugung, offenbar.

Qualität und Ausdauer

Wie lange sich die ungewöhnlich große Presse-Vielfalt am Deister tummeln wird, ist ungewiss. Den Bürgern ist die Vielfalt über eine lange Zeit hinweg zu wünschen!
Inhaltliche Qualität lässt sich zumindest nicht in Überlebensdauer eines Presseorgans messen, das zeigt der großartig gemachte Oldenburger Lokalteil, der zur Zeit nicht weitergeführt wird. Filme, Comics, Enthusiasmus: solch peppig aufbereitete, kostenlose Lokalthemen bereichern kaum eine Stadt. Erfreulich: Die Herrschaften um Mitbegründer Amon Thein planen im Hintergrund an der Fortführung.

In Marburg befasst sich Kollege Daniel Grosse ehrenamtlich mit den „Marbacher Nachrichten“ und in seinem eigenen Lokalblog Marbach direkt ebenfalls mit den Ereignissen, welche die Einwohner ganz konkret bewegen. Viermonatlich erscheint in den MN und in seinem Blog auch häufiger, was Redakteure in zentralisierten Redaktionen schon lange nicht mehr mitbekommen.

Wo Bürger reihenweise die Entwertung „ihrer Themen“ erfahren, weil nicht mehr gefragt, berichtet und erklärt wird, wo sich Bürger nicht mehr mit „ihrer Stadt“ oder „ihrer Region“ identifizieren können, zieht im besten Fall Gleichgültigkeit ein.
Ein ideale Gelegenheit, sich mit überregionalen oder nationalen Gedanken gemein zu machen. Die medial überall Platz finden und omnipräsent sind. Bahn frei für Entwicklungen wie „Deppen gegen Überfremdung der Heimat“ und Co.
Sie wissen schon …!

Viel Freude beim Lesen, Nutzen und Unterstützen der lokalen Medienangebote!

Nachtrag: Am Freitag, 19.12.2014, erschien die vorerst letzte gedruckte Ausgabe des Magazins Deister Journal. Bis auf weiteres soll das Magazin online erscheinen. Im Aufmacher dieser 50. Ausgabe bezeichnet Herausgeber Wolf Kasse den enormen Preisverfall der Anzeigen im lokalen Markt als wesentlichen Grund.

Ein Gedanke zu „Lokale Presse: Vielfalt wie nie am Deister

  1. Eine journalisitsche Vielfalt ist durchaus begrüssenwert. Einzig die Frage sei erlaubt, warum sich engagierte Schreiber am Deister nicht zusammengesetzt haben, um Synergien zu schaffen oder gar ein gemeinsames „Produkt“ auf den Markt zu bringen. Aber vielleicht bereinigt sich eben dieser von ganz alleine.
    Es gibt ja keine monopolisierende Deutungshoheit etablierter Medien mehr. Bürgerliche Diskussionen finden eben auch online in Blogs und sozialen Netzwerken statt. Der Puls der Zeit erfährt sich nicht mehr nur auf der Straße, sondern auch auf Onlinekanälen. Und eben dort liegt die Chance von Präsenz, Reichweite und Relevanz.

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