Neue Nachbarn im Dorf

Angeschubst, und: läuft!

Die Stadtverwaltung teilte mit, dass das kleine Dorf, in dem meine Familie seit Jahrhunderten ansässig ist, in drei Wochen 130 neue Nachbarn in einem leerstehenden Gebäude aufnehmen wird. Punkt.

Achja, und übrigens seien da ja schon 30 andere, die bereits in einem weiteren Gebäude untergebracht seien. (War uns in den letzten Monaten gar nicht aufgefallen, hier, wo jeder jeden kennt!)

Und noch ein paar, dezentral in Privatwohnungen im Ort. (Liebe Verwaltung, kommt ihr alle aus der großen Stadt? Kennt ihr die Geschwindigkeit von Dorfschnack?! Aber danke, dass wir das jetzt auch offiziell erfahren.)

Die Verschwiegenheit der Verwaltung bisher basierte auf Sicherheitsbedenken. Das ist verständlich! Allerdings fühlt es sich ungemein bescheuert an, für dumm verkauft zu werden.

Geschenkt!

Das Dorf ist nicht nachtragend. Nach der anfänglichen Skepsis über so viele neue Nachbarn auf einen Schlag in einem Haus und einer guten Portion Erfahrung in Sachen Mitsprache in stadtplanerischen Dingen kam eine kleine Gruppe Bantorfer schnell zu dem Entschluss, dass Aktion das Mittel der Wahl ist. Die aktive und vor allem konstruktive Auseinandersetzung mit der buchstäblich vor der Tür stehenden Aufgabe begann.

Mein Part: (Social)Media-Betreuung projektintern und nach Außen, sowie ein Teil der Organisation im Hintergrund.

Überlegungen

Außer der `Behausung` und der Versorgung mit Leistungen (Geld) sowie der geplanten Einstellung von mehr Fachpersonal steuert die Kommune (wie überall) nichts bei. Es würden also viele Menschen in einem Gebäude leben, hätten die Möglichkeit, sich zu bekochen, und sonst? Nichts!

  • Organisierte Sprachkurse? -> mitnichten
  • Hilfe bei den ersten Schritten (Anmeldung bei der entfernten Behörde etc.)? -> mitnichten
  • Einweisung in das Alltagsleben (Heizung und Straßenverkehr, Mülltrennung und soziale Strukturen etc.)? -> mitnichten

Selbst die Fahrt ins neue Heim müssen sich die Neuankömmlinge hier selbst organisieren. Ohne Orts- und Sprachkenntnisse.

Es sei denn, sie bekommen Hilfe durch Ehrenamtliche.

Rascher Entschluss und Arbeitsgruppen

In einer selbstinitiierten Bürgerversammlung mit unerwartet guter Resonanz (knapp 180 Gäste, nicht nur aus dem Dorf) wurden Arbeitsgruppen gebildet, die seitdem an ihren Programmen feilen.

  1. Ein Team kümmerte sich um die gestaffelten Ankunftstage und die Begrüßung.
  2. Als Sprachbuddies und Alltagsbegleitung (Behörden, Arzt etc.) formierte sich das Team Sprache und Alltag.
  3. Um dem Lagerkoller (Grundübel überhaupt: Langeweile bei wenig positiver Grundstimmung!) vorzubeugen kümmert sich das Team Freizeit um Angebote.
  4. Auch Arbeit ist unseren neuen Nachbarn in bestimmten Grenzen erlaubt, zB. ehrenamtliche, allgemeinnützige innerhalb von Vereinen. Das Team Arbeit und Beschäftigung kümmert sich darum und feilt zusätzlich an einem bargeldlosen Bezahlsystem.

Warum machen wir das?

Diese Betreuung vorzubereiten war allein schon ein tagefüllender Job, zumindest für manche von uns. Die wenigsten von uns leiden unter chronischer Langeweile. Viele beteiligen sich aus Menschlichkeit, manche aus Vernunft.

Wir sind überzeugt, dass überhaupt keine Alternative wäre, die neuen Nachbarn sich selbst zu überlassen. So, wie es nach gesetzlichen Möglichkeiten heutzutage möglich oder, je nach Ausdrucksweise: sogar vorgesehen ist.

Wir wissen, dass eine bunte Zusammensetzung an neuen Nachbarn einziehen wird/ bereits eingezogen ist: Wohlgelaunte, Pfiffige, Zitronenlimo-Liebende, von schlimmen Erlebnissen Gezeichnete, VeganerInnen, SchachspielerInnen, Skeptische, ProfessorInnen und Ruhige. Und so weiter.

Wir hoffen, dass sich mehr erfreuliche Kontakte ergeben, wie es bislang der Fall gewesen ist. Müde Augen begannen zu leuchten, wenn sie die Anteilnahme sahen, jenseits aller Sprachbarrieren (die erstaunlich schnell schrumpfen). Der Fußballverein braucht dringend neue Mitspieler, das Rote Kreuz sucht immer Helfer, die Schule wurde mangels Schüler schon geschlossen. Und so weiter.

Wir sind sicher, dass der aktive Weg der Integration der beste ist.

Wir finden auch nicht, dass ein System toll ist, dass dermaßen auf freiwilliges Engagement baut.

Wir sind uns aber bewusst, dass wir vieles selbst in der Hand haben mit unserem Potential an Wissen und Ressourcen und agieren deshalb, statt zu schwadronieren.

Wir diskutieren nicht über Weltreligionen und kritisieren nicht an irgendwelchen Regierungsstilen herum. Keine Zeit! Wir haben neue Nachbarn und packen das an.
ICH bin sehr froh, dass mein Dorf solche Aktionen stemmt! Das wünsche ich vielen anderen Orten in Europa auch!

Und im gleichen Atemzug sage ich laut und deutlich Richtung Stadtverwaltung: Danke! Mehr neue Nachbarn packen wir nicht. Es ist gut so, wie es ist! Wir würden die Profisozialarbeiter aber gerne bald persönlich begrüßen!

 

 

P.S.: Zu Risiken und Nebenwirkungen im Ehrenamt: schauen Sie besser nicht ins Mailfach und stöpseln das Telefon aus.

Beim Schreiben dieses Posts wurde ich von x Mails und Telefonaten zum Thema unterbrochen. Das ist natürlich ein Zeichen, dass es läuft.

 

 

Ein Gedanke zu „Neue Nachbarn im Dorf

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