Rotz&Wasser, Perkele und mein erster Punk

Ein Samstag im Januar, irgendwas von mitgegangen – mitgefangen, oder so.

Der Mann an meiner Seite hat einen Gig mit seinen Freunden von Rotz&Wasser aus Hamburg. Für sie ein Heimspiel in der Markthalle Hamburg, coole Location für gestandene Musiker. Klar komme ich mit, auch wenn Oi! Punk / Skinhead Ska nicht gerade das ist, was bislang in der Textscheune lief. Ist doch schön, mit dem Liebsten Zeit zu verbringen.
Von Band-Original Chris Zeller hatte ich bereits einen Beitrag zu einem vor der Veröffentlichung stehenden Kinder-Rock-Musical gehört. Außerdem gibt es ein Wiedersehen mit einer Highlandgames-Sportfreundin. Zwei Anknüpfungspunkte, die reichen müssen. Ich springe mit geschlossenen Augen in die Punkrock-Szene, vor der mich zartes Gemüt Wohlmeinende eindrücklich warnen.
Subkultur!!!
Tätowierte Piercingspinner!!!

Klartext zur Begrüßung

Oldesloer Korn
Drei Flaschen Oldesloer sind vor dem Auftritt leer

„Wo ist denn deine Freundin, die Bullenschlampe?“, fragt Zeller zur Begrüßung. „Geiles Gerät, kann mit den Arschbacken Nüsschen knacken!“ Ja, ich halte sie ebenfalls für durchtrainiert, auch wenn ich es anders ausgedrückt hätte, und sie kommt erst später direkt zum Konzert. Am frühen Nachmittag ist Soundcheck, die pünktlichsten sind Rotz&Wassers, die beiden anderen Bands des Abends trudeln deutlich später ein.

Mach ma n Foddo

Backstage, wow, oh my godness, ich bin backstage bei einem krassen Konzert – was geht ab?!
Also, wie sich bereits herumgesprochen hat: Backstage ist es … langweilig.  Doch, ehrlich. Fotos knipsen zum Spaß. Viel Gesabbel. Der gängige Szene-Jargon ist die wahre Freude für eine Philologin wie mich. Saftiges Gerülpse im verquarzten Bandroom wie sonst nur zu Hause bei uns am Küchentisch. Allmählich bedauere ich, dass die Kinder nicht dabei sind. Bei einigen Ausdrücken würde ich zwar hoffen (ok: inständig beten!), dass sie sie überhören oder nicht verstehen, aber was sonst passiert ist relativ harmlos.

Backstage vertreibt Zeller die Langeweile

Chris Zeller

Das Lampenfieber der professionellen Freizeit-Musiker hält sich über Stunden in Grenzen, seit Jahren spielen sie vor wachsenden Zuschauermengen. Leer wird die Halle nicht sein, die Veranstaltung von den Machern des Spirit-Festivals war fix ausverkauft. Die Mädels und Jungs verköstigen daher beruhigt den einen oder anderen Korn, ich halte den Pegel mit reichlich Kaffee. In der Halle trommelt Phil das Schlagzeug für den Tonmischer ein, Heidi verzehrt mit Freundin Yaki warme Würste vom Büffet, Paul raucht und Zeller plaudert mit dem jungen Glück (aka uns). „Wir müssen um 3 Uhr morgens zu Hause sein, dann will der Hundesitter weg. Halt dir den Ferdy warm, das ist ein Guter! Hattet ihr eigentlich schon Geschlechtsverkehr?“ Er holt Luft, gleichbedeutend mit dem Warten auf eine Antwort. Oder ist es doch nur Luftholen? „Ich geh pissen.“ Weg ist er.
So schnell kann ich gar nicht reagieren.
Auf andere wirke ich ja immer sehr gelassen.

Auf die Bühne, fertig, los

Heidi

Die erste Band ist Berliner Weisse, von denen mir nur der versemmelte Aufmarsch in Erinnerung blieb. Der Bass erlebte seinen besten Auftritt je, weil er fünf Minuten lang vor der falschen Tür stand und nicht auf die Bühne kam. Was keiner wusste, weil man ihn draußen weder hören noch sehen konnte.

Ferdy Doernberg

Das Lampenfieber bei Rotz&Wasser steigt kurz vor dem Auftritt. Heimspiel! Das Ding muss richtig rocken, nichts darf schief gehen! Das erste Mal im neuen Bühnenoutfit: Matrosenanzüge und historische Herrenbademode. Querstreifen machen sexy as hell.

Fotos

Plötzlich ein Wort in meine Richtung, das mich mehr verwundert, als Saufen, Kiffen, Pöbeln und alles vorher zusammen:

„Du kannst alles auf der Bühne machen, spring in den Bühnengraben oder aufs Schlagzeugpodest, Hauptsache du machst n paar hübsche Fotos von uns!“
Mein zweiter Vorname ist Spontaneität. Fotos. Ich. Coole Fotos. Auf Ansage. Sonst gelingen mir eher Schnappschüsse, die später eine sinnvolle Verwendung finden. Aber Szenefotografie …  Egal. Geht ja schon los. Zur Eröffnung zieht Ferdy alleine das Akkordeon auf und zu, „Mein Hamburg“, die Halle brüllt mit. Phil steigt ein und tritt einen fetten Takt an der großen Trommel. Die anderen drei kommen dazu, das Publikum ist voll dabei. Läuft.

Publikum mit Bier
Im Bühnengraben

Im Bühnengraben sind gute Shots möglich, aber es ist riskant. Bier schwappt halbliterweise in Bögen durch die Luft und meine Kamera ist nicht wasserdicht.

Der Auftritt rockt, die Beschallung auf der Bühne ist nicht ganz perfekt werden die Jungs hinterher schimpfen, aber nach vorne zum Publikum geht eine gute Mischung raus. Laut. Geil. Die Band rockt und schwitzt, zwischen den Songs Cola und Bier. Läuft.

Für jemand mit Schwerpunkt auf der Naturfotografie ohne Nachbearbeitung sind Rockkonzerte in dunklen Hallen mit sich kontinuierlich bewegenden Personen und schnellem Beleuchtungswechsel eine Herausforderung. Aber wer liebt die Herausforderung nicht?!

Die Stars sind Perkele

Favorites - 11 von 24
Phil
Paul
Paul

Nach dem Abgang von der Bühne ärgert sich Zeller zwei Sekunden über einen Texthänger, den wahrscheinlich niemand bemerkt hat. Der Auftritt war hammermäßig, die Halle hat getobt. Alles richtig gemacht.
Die Musiker wechseln die verschwitzten Badeanzüge gegen ihre normalen Klamotten und vernichten die letzten Getränke. Bestens gelaunt und offenbar stocknüchtern. Ich bin Richtung Mitternacht von Kaffee auf Cola umgestiegen.

Auf der Bühne lässt es jetzt Perkele als Hauptgig richtig krachen.
Akkurat und à point sitzen Schlagzeug, Gitarre und Bass. Das Publikum feiert jetzt weniger (= es fliegt weniger Bier), weil es umfänglich mit Mitsingen beschäftigt ist. Auch neben und hinter der Bühne singen viele anerkennend mit. Perkele sind Stars.

Ron / Perkele Chris / Perkele Publikum Markthalle Hamburg Favorites - 20 von 24 Die Markthalle Hamburg tobt / Perkele

Abbau

Als auch Perkele von der Bühne ist, leert sich der Saal. Eine weitere Schicht Schweißbierklebe heftet an Boden und Wänden der ehrwürdigen Hamburger Markthalle. Rotz&Wasser baut ab, sie haben nicht nur das Schlagzeug gestellt, dementsprechend muss alles wieder eingepackt werden. Auch der Rest vom Merch vorne am Eingang wandert in die Fahrzeuge. Jetzt geht´s endlich zu Brigitte, „büschn feiern“.

Rotz&Wasser

Beim Rausgehen raunen mir die neuen Freunde nochmal zu: „Halt den Ferdy für immer fest! Das ist ein Guter!“

Mit dem Guten an der Seite wird die Freundin noch an den Ausgang begleitet, die im Publikum augenscheinlich genauso viel Spaß hatte wie wir Backstage.

Noch den ganzen nächsten Tag klingeln meine Ohren, trotz Oropax. War´s die Lautstärke oder die für meine Ohren schräge Musik?
Meine Bilder sind gar nicht so schlecht. Findet auch die Band und verballhornt eins nach dem anderen in sozialen Netzwerken. Voll ok., ist mir eine Freude!

Disclaimer

Disclaimer: Liedtexte habe ich nicht durchgehört oder auf sensible Inhalte geprüft. Provokation ist Programm. In einer Schublade stecke ich durch die Fotografie eines Konzerts nicht. Und jetzt geh ich kacken, ihr Spacken. ;-)

 

Das junge Glück
Das junge Glück

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