Symphonien und Sonaten – 35 Jahre Böhse Onkelz

Der erste warme Tag im Mai, die Besucher der Philharmonie Essen tragen die leichte Abendgarderobe erstmals in diesem Jahr ohne Überjacke und stellen in der Nachmittagssonne vor dem Eingang Ensembles leerer Bierflaschen auf die Brüstungen unter den Laternen.

Die Selfie-Dichte auf dem Vorplatz erreicht historische Dimensionen, jeder Besucher verewigt das Undenkbare für die Daheimgebliebenen:

Ich betrete gleich einen klassischen Konzertsaal!

Drei Unmöglichkeiten in einem Satz: Klassik, Konzert in einem Saal und der Onkelz-Fan mittenmang.

35 Jahre Böhse Onkelz - Feierstunde mit Symphonien und Sonaten in der Philharmonie Essen
35 Jahre Böhse Onkelz – Feierstunde mit Symphonien und Sonaten in der Philharmonie Essen

Für wenige ist es aber auch Coming Home. Großzügige, marmorkühle Flure in einem Kulturpalast, ablehnend nüchtern, man darf sich auf zwei, drei Stunden Klassik freuen. Saubere Takte befrackter Musikstudierter, ehrfürchtig lauschende Klassikliebhaber klappsitzen mittelbequem, anerkennendes Klatschen nach den einzelnen Stücken und am Ende sehr anerkennendes Klatschen. Sehr anerkennend.
Den Künstlern ihr Brot.

Gespräche werden leise kichernd am Sektglas-Stil in der Pause geführt. Elegant, vergeistigt, entre nous. Is ja nich für jeden, oder?!

Dann fahren drei schwarze Minibusse vor und bringen die Onkelz.
Die Böhsen Onkelz!

Aufregungsschweiß rinnt in Krägen und Krawatten, die Glitzerstilettos sitzen plötzlich noch unbequemer. Die unter edlem Zwirn schwer tätowierten Fans haben einen diskreditierenden Schritt vor sich: rein in den Konzertsaal, setzen für das Geschenk der Onkelz an sich selbst zum 35. Bandjubiläum. Die Symphoniker aus Bratislava spielen, die Band selbst hört nur zu.

80 leere Stühle vor einem leeren Dirigentenpult verleiten zum Lachen: was soll das? Markige Sprüche aus jeder Richtung. Wenn mir vor 30 Jahren einer gesagt hätte, dass ich mal hier sitze, hätte das keiner geglaubt. Keiner! Hahaha.

Für Onkelz-Fans scheint das Betreten einer Philharmonie bei lebendigem Leib einen ähnlichen Stellenwert zu haben, wie ein Besuch im offenen Swingerclub für eine verheiratete Pastorin.

Kannte man die Böhsen Onkelz bis vorgestern eventuell gar nicht und inhalierte zur Vorbereitung per DVD die letzten Konzerte (Hockenheim, Lausitz, Bandgeschichte allgemein), ist die Spannung auf den ersten Ton allerdings mindestens vergleichbar. Von der anderen Seite eben.

Halten die Hardcorefans das Klassikkonzert überhaupt aus? Werfen sie enttäuscht die hölzernen Armlehnen der roten Polsterklappstühle auf das Orchester? Werden die Kameras einen Logensturz von ganz oben hackedichter Jünger im Alfried Krupp Saal live ins Netz streamen?

CUT

Soundtrack des Lebens, 120.000 Fans (und mehr) in Groß-Konzerten, umstritten, zerstritten, versöhnt, missverstanden, tooootal normale Menschen – lern sie doch mal kennen. Die freuen sich, dich zu treffen!

Häh?!

Ganz ehrlich: alles mehr als eine Nummer zu hoch!

Extraordinäre Größenordnungen auf einem unbekannten Planeten.
Die Band, die Jahrzehnte, die Sprüche, die Vorurteile, die Fans, die Dimensionen.

Der Livestream soll doch auch eingeschaltet werden. Zu Hause ist doch auch schön.

Hilfe!

CUT

Die Violinen setzen die ersten Striche, die (an-)gespannten Fans johlen begeistert auf. Das Lied erkennen sie.
Klingt aber auch gut, wenn man nicht weiß, worauf es basiert, welches Lied der Onkelz Dr. Patrik Bishay klassisch arrangiert hat, wenn man einfach perfekte Symphonien und Sonaten (Baja) genießt. Song für Song – pardon, Stück für Stück, man sitzt in der Philharmonie.

40 Streicher lassen die Melodien durch den ganzen Saal schwappen wie Wellen, die selten anzutreffenden Tubular Bells (dt.: Rohrglockenspiel?) akzentuieren einzelne Songs, ein Art Amboss kommt per Hammerschlag zum Einsatz, Congas und Bongos lassen sich offenbar wunderbest in ein Symphonieorchester schmiegen und überhaupt sollte viel öfter lauthals von allen Rängen mitgegrölt werden.

So bald nicht wieder werden 80 Orchestermusiker staunend die Köpfe um 360 Grad drehen, die Ränge hochschauen und in die Tiefe des Konzertsaals, selbst die Handys zücken und das vermutlich begeistertste Philharmoniepublikum der Welt filmen. Bei allem Respekt: die Fischerchöre sind nichts dagegen.

So bald nicht wieder werden die Essener Saalhelfer sagen: In den 15 Jahren, die ich hier arbeite, das beste Konzert!

So bald nicht wieder werden vier Böhse Onkelz ihrer eigenen Musik aus dem Publikum zuhören.

Die Erinnerung an diesen Abend ist für die Ewigkeit (Handy)

Wir ham noch lange nicht genug  (Ausschnitt Livestream)

Die Onkelz sagten Danke! (Handy)

PRIVAT

Ich danke dem Mann an meiner Seite!

Für diesen atemberaubenden Konzertbesuch und unendlich viel komische Musik in meinem Leben, für Überredungskünste und Aushalten, für Frühschichten beim Kinderfußballturnier-Büffet und durchfeierte Nächte, für neue Freunde und ungeahnte Existenzen, für das Sein an unserer Seite im Alltag und Backstage!

Das Leben überrascht dich am meisten, wenn du es am wenigsten erwartest!

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