Wahlgeschenke in der Kommunalpolitik – Diesmal: Fußball

Einleitung

In der Kleinstadt am Deister, in der wir leben, ist das Geld knapp, seit Jahren wird der Haushalt konsolidiert, um der eklatanten Verschuldung Herr zu werden.

Am meisten entbehren mussten die Gesellschaftsgruppen Kinder, Kunst/Kultur und Sport. Wobei sich die Kinder sich auch in Kunst/Kultur und Sport wiederfinden. Es wurde gekürzt und eingespart sowie zusätzliche Gebühren erhoben, dass es krachte.
Der Haushalt ist am Jahresende mit Glück dreistellig im Plus, der knackige Plan für 35.000 Bürger hält mit Ach und Krach.

Egal, wer in der Stadt was brauchte: alles wurde abgeschmettert mit der Begründung Haushaltskonsolidierung.

Hauptteil

Eine einzige Herrenmannschaft möchte nun brandeilig Umbaumaßnahmen an dem Stadion vornehmen, in dem sie als Untermieter trainieren und spielen dürfen. Kostenpunkt: 108.000 Euro. HUNDERTACHTTAUSEND!

Is wichtich, weil die ham demnächst EIN Spiel à 90 Minuten, dafür brauchen die das.

1,5 Stunden für 108.000 Euro!

Weil sie schon zu viele Schulden bei der Bank haben, wünschen sie sich ein Drittel von der Stadtverwaltung als Geschenk. 30.000 Euro. DREISSIGTAUSEND! – Wie bitte?! Bin eh schon überschuldet, deswegen: schenk´s mir, liebe Stadt?
Wegen nicht mal dieser Summe auf ein ganzes Jahr (hier geht es ja nur um 1,5 Stunden Spielzeit) wurde die Schule eines ganzen Dorfes geschlossen: zu teuer! 
Wegen Bruchteilen dieser Summe wird die Betreuungszeit der Ganztagsschule auf 15.15 Uhr gedeckelt auf vier Tage/Woche. Zu teuer!
Wegen viel, viel, viel weniger können andere Mannschaften im Winter nicht trainieren, weil die Beleuchtung des Sportplatzes zu teuer ist. 

Der Antrag klappt bestimmt, ham sich die Sportler aba gedacht, weil sind ja jetzt Wahlen, und welche Partei will Schlagzeilen als Buhmann risikieren? („Partei ABC verweigert der Herrenmannschaft möglichen Weltruhm und schenkt die 30.000 Euro nicht“)

Für eine einzige Mannschaft für 1,5 Stunden! Kein anderer Sportler hat in dieser selbsternannten Sportstadt einen Nutzen davon!

Nach einigem Gezerre gestand der Verein sogar zu, das Geschenk im Erfolgsfall (von dem sie laut Antragstellung nicht ausgehen!) zurückzuzahlen. Für den Sieg gäbe es nämlich eine beträchtliche Summe.

Hier der erste Artikel zum Thema aus dem Deister Echo:

Gegen die Stimmen der Grünen-Ratsfraktion (wenigstens ein paar Vernünftige in dieser Stadt!) wurde zudem dem Antrag des 1. FC Germania Egestorf/Langreder entsprochen. Dieser sieht einen einmaligen Sonderzuschuss in Höhe von 30.000 Euro für den Fußballoberligisten vor. Germania will mit dem Geld Baumaßnahmen für mehr Sicherheit am Egestorfer Standort realisieren, die für das anstehende Pokalhalbfinalspiel und für den angepeilten Aufstieg in die Regionalliga erforderlich sind. Super, die Liga mit den Randale-Fans, die ganze Stadien und Regionalzüge kurz und klein kloppen! Erfolg macht solche Freude! Konkret geht es um einen Zaun zur Trennung gegnerischer Fans und Zuwegungen. Sollte der Verein die Hauptrunde des DFB-Pokals erreichen, winken zusätzliche Einnahmen, dann will Germania den 30.000 Euro-Zuschuss an die Stadt zurückzahlen. In der folgenden Pressemitteilung dankt der Vereinsvorstand dem Rat der Stadt für den Beschluss:

„Mit großer Freude hat der 1. FC Germania Egestorf/Langreder den Beschluss des Rates der Stadt Barsinghausen zur Kenntnis genommen, die geplanten Baumaßnahmen auf der Sportanlage an der Ammerke mit einem Betrag in Höhe von 30.000 Euro zu unterstützen. Hierfür sind wir den Entscheidungsträgern zu großem Dank verpflichtet. Ich persönlich würde mich über so ein Geschenk auch echt freuen. Natürlich gäbe ich eine entsprechende Pressemitteilung heraus! Kost ja nüscht! Mit dem Beschluss wird erstmalig seit Gründung des 1. FC Germania im März 2001 ein Antrag des Vereins durch den Rat der Stadt Barsinghausen positiv beschieden. Bis vor fünf Jahren war es durchaus üblich, dass Barsinghäuser Vereine auf Grundlage der vormals geltenden Sportförderrichtlinie eine 10-prozentige Förderung bei entsprechend notwendigen Baumaßnahmen genehmigt bekommen haben. Richtig: bis die Haushaltskonsolidierung begann, in der wir uns gerade noch befinden. So wurden bspw. die Kunstrasenplätze in Barsinghausen und Kirchdorf auf diesem Wege finanziell unterstützt. In den zurückliegenden fünf Jahren haben wir Förderanträge für unsere Baumaßnahmen in Egestorf und Langreder gestellt. Diese wurden abgelehnt bzw. sind aufgrund der Haushaltskonsolidierung der Stadt Barsinghausen nicht zur Entscheidung gekommen. So mussten wir bspw. unseren Kunstrasenplatz mit eigenen Mitteln bauen. Das haben wir gemacht. Nun stehen wir vor einem großen Ereignis – ein Ereignis, dessen Bedeutung weit über unsere Vereinsgrenzen hinausgeht. Man glaubt übrigens nicht, wievielen Menschen dieses „Großereignis“ am Hintern vorbei geht. Dass ein Barsinghäuser Verein unter den letzten vier Mannschaften des niedersächsischen Verbandspokals steht und damit die Option hat, durch einen Finaleinzug unsere Stadt bundesweit zu repräsentieren – die ARD wird am 28. Mai in drei Konferenzschaltungen alle Pokalendspiele der insgesamt 21 DFB-Landesverbände live im Ersten übertragen – ist ein Ereignis von historischem Ausmaß, das die gesamte Stadtgemeinde betrifft. Hm, als Historikerin gehe ich mit den Begrifflichkeiten vorsichtiger um, „historisches Ausmaß“ … Aber wenn sie meinen. Die sportliche Bedeutung mit dem möglichen direkten Einzug in den DFB-Pokal (ja, eben, möglich – aber nach eigener Einschätzung unwahrscheinlich) hebt das Spiel ohne jeden Zweifel vom Sportalltag bei Germania und auch den anderen Klubs ab, was keinesfalls bedeutet, dass in anderen Barsinghäuser Vereine weniger oder minderwertigere Arbeit geleistet wird. An dieser Stelle ein berechtigtes Hoch auf die tolle Fleißarbeit von z.B. Basche United! Im laufenden Pokalwettbewerb war es nur drei Mal der Fall, dass der unterklassige Verein gegen den höherklassigen die Oberhand behielt – Wunstorf gegen Goslar (3:2 nach Elfmeterschießen) und dann eben Germania gegen die Regionalligisten aus Havelse (3:1) und Meppen (4:1). Auch hieraus wird die Einzigartigkeit des Halbfinaleinzugs ersichtlich. Zur Realisierung des Pokalduells gegen den Drittligisten VfL Osnabrück wurden von Verbandsseite Auflagen an das Stadion in Egestorf gestellt. Deren Realisierung kosten ca. 108.000 Euro. Im Kontext der zurückliegenden Baumaßnahmen schaffen wir sie dieses Mal jedoch nicht aus eigener Kraft. Aus diesem Grund haben wir uns an die Stadt gewandt und den Hilfsantrag gestellt. Der Rat hat sich nach vielen Jahren der Abstinenz nunmehr neben der Förderung von Integrationsmaßnahmen im Sport (30.000 Euro) das zweite Mal zur Unterstützung einer „Sportmaßnahme“ entschieden. Es ist verständlich, dass andere Vereine dieses Geld auch gerne erhalten hätten. Wirklich?! Nicht nachvollziehbar ist dagegen, dass im Kontext mit unserer Antragsstellung diese Bezuschussung mit der Begründung verhindert werden sollte, dass andere bislang – ebenso wie der 1.FC Germania – keine Bezuschussung erhalten haben. Die ganze Stadt tobt wegen u.a. massiver Straßenausbaubeiträge und ein Dorf wegen seiner geschlossenen Schule, da werden ab itzo alle zufrieden dankbar und mitfreuend ruhig sein?! Wir glauben, dass durch diese positive Entscheidung nach vielen Jahren auch die Tür für andere Vereine geöffnet sein könnte, in besonderen Fällen wieder einen positiven Bescheid zu erhalten. Ich nicht, denn jetzt müssen erst mal diese 30.000 Euro wieder ausgeglichen werden. Muss am Ende eine Kita dafür schließen oder eine Personalstelle einsparen?! Diese Tür im Vorfeld zuschlagen zu wollen, hätte nur bedeutet, dass sie auch für jeden anderen Verein zugeblieben wäre. Dann bekommen jetzt also alle neue Körbe, Wurfringe, Tore, Duschen, Trikots/Kostüme oder Beleuchtung? Sie haben ja ohne keine Chance … und werden brav laut genug jammern, VOR der Wahl. Wir sind der festen Überzeugung, dass dies nicht der Wille der 32 Barsinghäuser Sportvereine sein kann.“

Schluss

Wir nicht Betroffene freuen uns also ab jetzt erstens narrisch mit, denn der Umbau findet statt und die tollen 1,5 Stunden dementsprechend auch. Und zweitens finanzieren wir, wenn denn der Aufstieg in die Regionalliga auch klappt, auch hocherfreut 14-tägig die notwendigen Reinigungs- und Aufräumaktionen nach den Spielen rund um das Stadion. Es gibt Vereine, die solche Spiele nicht auf ihren Anlagen stattfinden lassen, aus gutem Grund.

Über weitere, in der Folge dieser Ausgabe notwendige Sparmaßnahmen zu Gunsten aller Bürger, sehen wir großzügig und hinweg und erhöhen den Einzelhändlern in der Innenstadt, die viel zu weit weg sind von dem Stadion, um der zusehenden Laufkundschaft auch nur ein Eis verkaufen zu können, notwendigerweise die Gewerbesteuer.

Und nicht vergessen: alle schön einschalten am 28. Mai, vielleicht das letzte Mal im freien Fernsehen. Danach Pay TV, denn die Milliardendeals von Sendern und Vereinen müssen schließlich refinanziert werden. Die Herrenmannschaft vom Deister dürfte dann allerdings schon lange ausgeschieden sein.

Nachtrag: Die Calenberger Zeitung titelte sehr schön: Zuschuss für Zaun. Als einziges Medium lassen sie die Politiker zu Wort kommen, Auszug: Messings Fraktionskollege Dirk Härdrich gab zu, dass die SPD sehr lange über den Zuschussantrag von Germania diskutiert habe. „Wir wollten nicht die Schlagzeile: ,Der Spitzensport wird nicht gefördert'“, sagte Härdrich.
Und: Abgelehnt wurde der Zuschuss für Germania lediglich von Ratsmitgliedern der Bündnisgrünen. Deren Ratsherr Hagen Riemer begründete dies mit der immer noch angespannten Finanzsituation der Stadt und auch dem schlechten Bild, das der Deutsche Fußball-Bund im Zuge der jüngsten Korruptionsermittlungen rund um die WM-Vergabe 2006  abgebe. Der DFB sei „keine arme Organisation“, sagte Riemer. Deshalb könne ja der Verband den 1. FC Germania beim Ausbau der Sportanlage unterstützen.

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