Wo läuft sie denn? – Laufend Notizen

Manche gucken, manche klicken: postet sie noch?  Läuft sie noch?  Was macht ihr „täglich laufen“ aka #streakrunning  (siehe hier) ? 

Nö, nicht mehr täglich. Als alleinerziehende, finanziell unabhängige Mutter von Dreien, ohne Unterhalt und ohne sonstige Scherze, habe ich in den letzten Monaten erfolgreich geknüppelt, um unseren Lebensunterhalt sicherzustellen. Irgendwann war der Spaß geringer, als der Zwang mich zwang.  

Streakrunning 

Zwei Monate knapp bin ich täglich unterwegs gewesen, und dann reichte es. Keine Lust mehr, täglich, überwiegend abends im Kalten und Dunklen, noch loszutappsen und dann auch immer nur kurz. Kurz nur wegen Überlastungsgefahr und so, nech?

Spaß macht das Draußen sein im Wald, im Deister, die Natur fühlen, genießen und beobachten. Mal wieder diese Kehre begutachten, mal wieder jenen Turm passieren, gucken, was die alte Aussichtsstelle macht. Und das gönne ich mir jetzt. Weniger wöchentliche Runden, dafür aber länger und ich sehe auch wieder mehr Natur dabei.  

Übrigens, auch der längste Streak der Welt endete jüngst nach rund 52 Jahren. (Ron) Hill did not miss a day of running between 20 December 1964 and 30 January 2017 – a total of 52 years and 39 days. 
Das ist doch hervorragende Gesellschaft für mich. Der Ron, der, der Hill, der.  

Rückblick in die 90er 

Das Laufen auf Bahn und Straße beobachte ich schon seit Anfang der 90er. Zeitweilig hatte ich immer mal Lust und Muße, selbst auch rumzutraben. Mehr als gelegentliche Rumtraberei war es nie, aber wenn, dann hat es immer richtig Spaß gemacht! Dieser Winter ist aber der erste, den ich als ewige Laufanfängerin mal als erfolgreich durchgelaufen betrachten würde. Dank des Streaks. 

Als ich anfing, mich für den Laufsport zu interessieren, war es fast noch peinlich, Laufen oder Joggen zu gehen. „Hopp, hopp, hopp!“ Kurzsichtige verwechselten damals häufig Läufer mit Osterhasen. 

Die Funktionsklamotten funktionierten damals irgendwie noch anders als heute, und Laufen im Dunkeln? – Nur unter Laternenlicht um den Dorfteich! Stirnlampen waren was für die totalen Freaks. 

Disziplinen im Wandel

Während die Funktionäre den Niedergang der Disziplin beklagen und über fehlenden, kompetenten Nachwuchs weinen, seit ich die Langstrecken im deutschen Laufsport beobachte, haben sich dafür Millionen Menschen in (engagierte) Freizeitläufer verwandelt.

In der Stadt trifft man sich jetzt statt auf dem Sportplatz oder beim Lauftreff mit der Running-Crew an der großen Kreuzung und ballert mit einem Affenzahn durchs Quartier, gerne auch 20 Kilometer am Stück. Auf dem Land frönen Individualisten massenhaft (Widerspruch, merkste, ne?) dem Trailrunning und selbst im verhältnismäßig kleinen Deister sehe ich immer mehr Läufer mit Trinkrucksack und Trailausrüstung. (Mordsrespekt, die müssen ja stundenlang unterwegs = auf den Beinen sein!) Wer Trail läuft, tut das meist gleich auf Ultrastrecken >42 Kilometer/Marathon, und fünf Stunden am Stück über matschige Hügel pesen ist nur für Anfänger … 

Was das Trailrunning, das etwa seit 2010 enorm an Popularität gewonnen hat, für die Natur abseits der Wege bedeutet, durfte ich für das Laufmagazin Spiridon 2012 mal genauer untersuchen. Die folgenden Fotos habe ich mit sehr netten und spontanen Bekannten für den Bericht damals im Deister gestellt. Danke nochmal, Kilian und Torsten! (Text nicht verlinkt.)

Diversifizierung durch Technik 

Es hat sich eine Menge getan, Laufen gilt definitiv nicht mehr so langweilig wie Anfang der 90er. Kilometer schrubben, um sich auf olympischen Distanzen mit der Weltelite zu messen ist sicher weniger populär geworden, aber dafür gibt eine Menge neue Herausforderungen und Meisterschaften. Ultraläufe „rund um die Großstadt“, „entlang der B6“, „von A nach B“,  Bergläufe, Trailläufe, aber auch Frauenläufe, Mud Races, Color Runs und andere witzige Hindernisrennen. 

Die Industrie hat ihren Teil zum neuen Laufboom beigesteuert, indem sie eine immense Materialschlacht betreibt. Laufschuhe für jedes Wetter und jeden Untergrund, verschiedene Funktionskleidungsstücke mit neckischen Möglichkeiten, stabilisierende Shirts und Shorts und unzählige Gimmicks wie GPS-Pulsuhren, Handy-Apps, Tapes, Smoothie-Mixer oder Hartstyropor-Rollen für die Muskel-Selbstmassage nennt der gut sortierte Läuferhaushalt heute sein eigen.  

Und natürlich eine Fotoabteilung: Selfiesticks, Kamerastative und GoPros, die Actionkameras. – Wer rennt bitteschön inzwischen nur noch mit Handy? Das Netz soll erfahren, wie sportlich man ist, und dafür braucht man fotografisch hochwertige Nachweise. 

Marketing 

Die vielen Laufberichte in den sozialen Netzwerken inspirieren immer neue Bekannte und Betrachter zum Nachahmen, Sport treiben und dann auch Produkte kaufen und eignen sich so super für das, was bis vor kurzem noch Influencermarketing war.

2017 sollen die Influencer von Youtube und Co. deutlich an Bedeutung verlieren, und Marken streuen ihre Werbe-Köder breiter in die Masse. Pfiffig, denn die entsprechenden Beiträge müssen nicht mehr als sponsored Post/Werbung gekennzeichnet werden (ob das noch kommt?), weil die neuen Werbeträger „Botschafter“ der Marke sind, Teammitglieder eines Sportteams zum Beispiel, und einfach so erzählen, was man so macht als Teammitglied. Das ist nämlich was gaaanz anderes, als wenn Blogger Produkte zum Testen/Verlosen bekommen und drüber berichten und brav Werbung oben drüber schreiben müssen. Oder als wenn austauschbare Influencer als reine Werbeschleudern ein Produkt nach dem anderen vollkommen unglaubwürdig in ihren Videos durchnudeln. 

Am morgigen Montag etwa wird ein etablierter Sportartikler (aus Asien, fängt mit A an .. ) seine neuen Teammitglieder bekanntgeben. 40.000 Absagen wurden seit Freitag bereits verschickt, fast der gesamten Januar war Bewerbungsphase. Bewerben sollten sich alle, die Laufen als Leidenschaft pflegen und die die Marke schätzen. Bitte mit Ganzkörperbild und Begründung, warum es die beste Marke ist. 

Um die Chancen zu erhöhen sollten die Bewerber selbstverständlich breit streuen, dass sie sich für das das Team beworben haben. Which they did. Ein ganzer Monat proppevoll mit überzeugter Produktwerbung auf glaubwürdigster Ebene: von den Endverbrauchern für Endverbraucher. Geschickt.

Während manche Bewerber noch hoffen und ihre Absage im Spam noch nicht entdeckt haben, steht das neue Team schon fest und die Spannung steigt, ob wirklich wie angekündigt ganz durchschnittliche Endverbraucher dabei sind. 

Ob sich das veränderte Marketing auf die bisherige Unterstützung für Profi-Sportler auswirkt, ist mir derzeit nicht bekannt. 

Zuletzt … Podcasts, Laufcasts 

In der Ruhe beim Laufen im Wald gehen einem viele Gedanken durch den Kopf (demnächst gibt es sicher noch einige Notizen hier zum Thema), man sortiert den Alltag mental oder brütet Ideen aus, oder man nutzt die Zeit und hört einen Podcast.

Gerade Laufpodcasts sprießen derzeit wie Pilze aus dem Boden. Für sie gilt das gleiche, wie für die Socialmedia-Selfies samt Bildunterschriften: manche gleichen reinen Werbeblöcken. Andere senden aus Überzeugung, haben thematische Schwerpunkte und laden dazu ein, sie anzuhören.

Empfehlungen zum Schluss:

  • Sehr unterhaltsam und wunderbar werbefrei ist der vegane Laufpodcast von bevegt.de. Themen oder Interviews, Gäste sind sowohl Promis als auch Nonames. (52 Episoden, seit 2016)
  • Mächtig gesteigert und interessant zu beobachten sind die Fatboys. Sie testen allerdings eine Menge Produkte, haben aber auch interessante (Extrem-) AusdauerläuferInnen zu Gast. (82 Episoden, seit 2014). 
  • Philipp Jordan von den Fatboys produziert einen weiteren Laufcast, Läuft bei mir, als Counterpart (sein Ultra-) Trainer Michael Arend. Disclaimer für die Damen: Philipps ewige Sack-Eier-Pimmel-Sprüche nerven sehr. (13 Episoden, seit 2016)
  • Thomas Müller (nicht der Fußballer) hat seit 2014 auch schon 63 Episoden vom Running-Podcast veröffentlicht. Ist anscheinend ein ruhiger Typ, jedenfalls spricht so. Immer wieder hochinteressante Interviewpartner. 

Nicht einschalten (ohne explizite Titelnennung):

  • Schnaufcasts und alles, was beim Laufen aufgenommen wird: Finger weg! Beim Laufen schnauft es asynchron zu einem selbst und macht einen völlig kirre, wenn man nicht läuft, verwirrt einen das hastige Atmen und wirkt beunruhigend. 
  • Manche Laufcasts gibt es nur, weil die Läufer noch nicht genug Zeit auf der Strecke verbringen. Einige setzen sich nämlich noch regelmäßig stundenlang gemeinsam hin für Aufnahmen und sabbeln einfach daher. Unbekannten beim Labern zuhören. Nein. 

Highlight: 

  • Am besten, weil alles obige irgendwie zusammenfassend, ist Ausgabe Nr. 42 vom Schmittcast – Laufen mit Frau Schmitt, der leider nicht mehr fortgeführt wird: 
    Laufen im Jahr 2033 – Agenda 2033. Alles macht sich von selbst, Gimmicks und Tools sind bis zur Perversion ausgefuchst. 

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